Chemische Lebenshilfe oder Synergetische?

Es wird Zeit für den Wandel - Selbsterfahrung heißt immer auch - sich selbst Befreien.

Psychopharmakasucht
> Liebe Leute, vielleicht möchte sich ja der Eine oder die Andere an der unten genannte Recherche beteiligen,indem er/sie  persönliche Erfahrungen als InterviewpartnerIn einbringt. Herzliche Grüße Ruth
> >
Datum:   27.02.2004 13:27 Quelle Internetforum Psychiatrienetz:
Betr.: Psychopharmaka/ Interviewbeiträge für ARD-TV-Magazin (eventuell
"PLUSMINUS", "REPORT" etc.)

Sehr geehrte ForenbesucherInnen,
wir, d.h. ein Team von Journalisten der ARD (Fernsehredaktion "Wirtschaft,
Soziales und Umwelt", angesiedelt bei dem SR in Saarbrücken), führen zur
Zeit eine Recherche bzgl. der Thematik "Psychopharmakasucht infolge von
verantwortungsloser Vergabepraxis von behandelnden ÄrztInnen" durch.
Für einen TV-Beitrag benötigen wir Interviews mit Betroffenen.
"Betroffene" insofern, indem diesen PatientInnen entgegen aller
Vergabevorschriften ("nicht länger als drei Monate" etc.) von ÄrztInnen
Psychopharmaka verschrieben worden sind.

D.h. wir wollen zum einen herausstellen, dass es in unserem Land immer
noch eine Unzahl von verantwortungslosen ÄrztInnen gibt, die entgegen aller
Bestimmungen Psychopharmaka über Jahre verschreiben und ihre PatientInnen
mit ihrer "Sucht auf Privatrezept" meist alleine lassen ...
Des Weiteren wäre es auch interessant, inwiefern diese Betroffenen
versucht haben, aus dieser Sucht selbstständig wieder auszusteigen, z.B.
Erfahrungsberichte mit Therapien, Therapieversuchen oder auch Erfahrungen
mit ihren ÄrztInnen, die sie mit ihrer unverschuldeten Sucht alleine
gelassen haben ...


Wie Sie in dem folgenden Zeitungsartikel (aus: DIE ZEIT) lesen können, gab
es letztes Jahr erstmals ein Schiedsgerichtsurteil, welches einem
Betroffenen eine "Entschädigung" zugesprochen und analog seinen Arzt
verurteilt hatte, da er über 18 Jahre eine Medikation "ohne ärztliche
Kontrolle" verordnete (Nach dem totalen Zusammenbruch des Patienten
verweigerte der Arzt, obgleich die "Folgen" seiner Behandlung - die
Medikamentenabhängigkeit seines Patienten - offenbar waren, weitere
Psychopharmaka. Auch kümmerte er sich nicht um eine Suchttherapie).
Nun suchen wir Betroffene, die eine vergleichbare Suchtkarriere
durchlaufen haben.
Bei den Interviews gewähren wir auf Wunsch eine völlige Anonymisierung der
persönlichen Daten, der Stimme und der Bilder!
Falls Sie Interesse haben, uns bei diesem Unterfangen zu helfen, dh. sich
als InterviewpartnerIn zur Verfügung zu stellen, oder auch in ihrem
Freundes- oder Bekanntenkreis potentielle Fälle kennen, die Sie betreffend
unseres Anliegens kontaktieren wollen, wären wir sehr froh, denn es ist
immer sehr schwer, in diesen sensiblen Bereichen Kontakte zu knüpfen.
Bei Interesse, Erfahrungsberichten oder noch anstehenden Fragen können Sie
uns gerne unter folgenden Adressen kontaktieren:
 
 
Sascha Kneifel
tel.: 0170-2289938
e-mail: sa.kn@gmx.net
Lars Ohlinger
tel.: 0681-6023116
e-mail: lohlinger@sr-online.de
Im Voraus vielen Dank für Ihre Mitarbeit!
- Sascha Kneifel & Lars Ohlinger -
 
  
Anlage: Zeitungsartikel/ DIE ZEIT 15.01.2004 Nr.4/ Autor: ACHIM WÜSTHOF
Absturz auf Rezept
Erstmals verklagte ein medikamentensüchtiger Patient seinen Arzt auf
Schadenersatz - mit Erfolg. Ein Fall, der leichtfertige Doktoren,
Patienten und Politiker aufschreckt
Von Achim Wüsthof
Hans S. hat eine Menge geschluckt. "Ziemlich genau 19000 Tabletten
Rohypnol", hat er ausgerechnet. In 17 Jahren habe ihm sein Doktor 650
Privatrezepte für das Schlafmittel ausgestellt, sagt der heute 52-Jährige.
Damit wurde der Manager zielsicher in die Tabletten-Sucht getrieben.
Zuerst verlor Hans S. seinen Job, dann den Führerschein und schließlich das
Sorgerecht für seine Kinder. Der Hausarzt erkannte viel zu spät, dass sein
Patient schwer süchtig war. Doch nachdem Hans S. sich von seiner Sucht
befreit hatte, zerrte er seinen Arzt vor das Schiedsgericht der
norddeutschen Ärztekammern und bekam Recht: Erstmalig in einem solchen
Fall wurde einem Patienten eine Entschädigung zugesprochen und damit anerkannt,
dass seine Tablettensucht durch einen ärztlichen Fehler entstand.
Die Schiedsgerichtsentscheidung hat Signalwirkung. Unmissverständlich
macht sie klar, dass Mediziner für die Sucht ihrer Patienten verantwortlich sein
können. "Meines Wissens handelt es sich um den ersten Fall von
Entschädigungszahlung bei einer vom Arzt verursachten
Medikamentenabhängigkeit in Deutschland", sagt der Rechtsanwalt Thomas
Röwekamp aus Bremen, der Hans S. vertrat.
Fähig, gut gelaunt - und süchtig
Gut möglich, dass bald weitere Geschädigte seinem Beispiel folgen. Die
Ärzte müssen jedenfalls künftig vorsichtiger werden, wenn sie den
Rezeptblock zücken. Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für
Suchtfragen sind ungefähr 1,4 Millionen Deutsche medikamentenabhängig -
ein Großteil mithilfe ihres Doktors. Etwa sechs bis acht Prozent aller
verordneten Arzneimittelmengen haben ein eigenes Abhängigkeitspotenzial.
Da die meisten Schlaf- oder Beruhigungsmittel sehr preiswert sind, kostet die
Sucht in der Regel weniger als zehn Euro im Monat, die Verordnung fällt in
den Wirtschaftlichkeitsprüfungen der Kassen nicht auf. Zudem bekommen die
Patienten oft Privatrezepte, denn die Zuzahlung wäre höher als der Preis
des Produktes. Auch taucht der verordnende Arzt in der Statistik der
gesetzlichen Krankenkasse nicht auf. Das aber wäre notwendig, um die
"schwarzen Schafe" unter den Medizinern zu entdecken: Nur ungefähr 15
Prozent aller Ärzte stellen fast die Hälfte aller Rezepte für
Beruhigungsmittel aus, wie Analysen der Abteilung für Versorgungsforschung
im Gesundheitswesen der Universität Bremen zeigen. Und zwei Drittel der
betroffenen Patienten erhalten ihren süchtig machenden "Stoff" über lange
Zeiträume - oft über Jahre - von ihrem Arzt - obwohl die meisten dieser
Medikamente höchstens drei Monate lang eingesetzt werden sollten.
Hans S. bekam erstmals am Ende seines Studiums Rohypnol verordnet. Damals
konnte der angehende Wirtschaftsingenieur vor seinen Prüfungen nicht
richtig schlafen. Die Wirkung des rasch abhängig machenden Schlafmittels,
das ihm sein Hausarzt verschrieb, begeisterte den jungen Mann. Endlich
konnte er nachts abschalten und am nächsten Morgen war er sogar angenehm
aufgedreht. Als das Berufsleben begann, nahm er die unscheinbaren
Tabletten einfach weiter. Der Doktor verordnete sie bereitwillig - obwohl der
Beipackzettel vor Langzeitgebrauch warnte. Die Kollegen beneideten Hans S.
um seine Leistungsfähigkeit und gute Laune. Schnell schaffte er den
Aufstieg zum Verkaufsleiter. Niemand ahnte, dass sich der erfolgreiche
Manager mit Schlaftabletten dopte.
Der Zusammenbruch kam 1997, als seine Frau an Krebs starb. "Ich konnte
nicht weinen. Ich hatte meine Seele jahrelang betrogen, meine Gefühlswelt
war verkümmert, und ich funktionierte wie eine Maschine", sagt S. heute.
Plötzlich empfand er sein Leben als staubig, farblos, trist. Er steigerte
die Dosis der Medikamente und begoss sein Unglück mit Bacardi - 1650
Flaschen in knapp drei Jahren. Langsam merkte auch der Hausarzt, dass
etwas nicht stimmte. Sonst verordnete er das Rohypnol meist auf Rezeptbestellung
per Fax oder Telefon, doch plötzlich weigerte er sich und brach die
Behandlung ab. Um eine Entzugstherapie kümmerte er sich nicht. Der
abhängige Hans S. stürzte völlig ab: "Ich habe mich kaum noch gewaschen,
schlief nicht mehr und trieb Tabletten auf dem Schwarzmarkt auf." Seine
Töchter kamen in eine Pflegefamilie, er musste in eine psychiatrische
Klinik - per Zwangseinweisung.
Die Gefahr einer Tablettenabhängigkeit wird leicht unterschätzt, da sie
oft über viele Jahre hinweg völlig still verläuft. Suchtspezialisten sprechen
von einer "Niedrigdosisabhängigkeit", weil viele Süchtige jahrelang mit
zwei oder drei Tabletten pro Tag auskommen, anders als bei Drogen wie
Kokain oder Heroin, bei denen der Bedarf rapide steigt. Der
Medikamentensüchtige fällt in der Regel lange Zeit nicht auf. Er grölt
nicht, torkelt nicht, riecht nicht, sondern wirkt angepasst und versucht
den Alltag korrekt zu bewältigen. Doch die Abhängigkeit kann schwere
körperliche Schäden verursachen: Vor allem Leber-, Nieren- und
Knochenmarkfunktion können unter der Dauerbelastung einknicken, zuweilen
irreparabel. Auch die Psyche nimmt Schaden. "Die Menschen werden
vergesslich, dünnhäutig, fühlen sich abgeschlagen und empfinden jegliche
körperliche Berührung als unangenehm", sagt Rüdiger Holzbach vom Zentrum
für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg.
Die Ärzte, die unkritisch beruhigende Tabletten verordnen, übersehen
solche Symptome häufig. Viele sind naiv und glauben, eine kleine chemische
Lebenshilfe müssten sie ihren Patienten schon gönnen. Dabei verpassen sie
die Gelegenheit, ihnen wirklich zu helfen. Das ist auch der Vorwurf des
psychiatrischen Gutachters im Fall von Hans S.: "Frühzeitig einsetzendes
sachgerechtes Handeln, das heißt eine Psychotherapie, wäre durchaus
geeignet gewesen, die Persönlichkeitsstörung zumindest insoweit günstig zu
beeinflussen, dass die ihr innewohnende Gefahr des Hineingeratens in eine
Sucht hätte behoben werden können."
Als Hans S. schließlich in der psychiatrischen Klinik landete, wollte er
sich zunächst gar nicht helfen lassen. Die Ärzte schätzten seine Prognose
düster ein. Es dauerte Wochen, bis er es schaffte, seinen Körper zu
entgiften. Die Entwöhnung von den Medikamenten ist allerdings nur der
erste Schritt, Rückfälle sind keine Seltenheit. "Wir sind uns oft verzweifelt,
weil unsere Arbeit wie ein Kampf gegen Windmühlen ist", sagt der
behandelnde Psychotherapeut Reinhard Dübgen vom Niedersächsischen
Landeskrankenhaus in Lüneburg. Kaum hätten sie jemanden erfolgreich
entlassen, würden verantwortungslose Ärzte wieder die Suchtstoffe
verschreiben. "Die machen es sich einfach und halten sich mit dem
Rezeptblock die quengeligen Patienten vom Leibe."
Auch Hans S. verfiel nach seiner Therapie erneut den Tabletten. Doch zu
diesem Zeitpunkt hatte er schon den Rechtsanwalt eingeschaltet, um zu
beweisen, dass er Opfer ärztlichen Fehlverhaltens ist. Als das
Schiedsgericht der norddeutschen Ärztekammern in der Tat seinen Arzt für
den Krankheitsverlauf verantwortlich macht, wirkt das Urteil bei Hans S.
geradezu therapeutisch.
Haftung für Dauerrezepte
Von solchen Fällen ist man inzwischen auch im Bundesgesundheitsministerium
alarmiert. Derzeit beratschlagen Experten, wie die unkritische Verordnung
von süchtig machenden Medikamenten zu bekämpfen ist. Über konkrete
Strategien hüllen sie sich allerdings in Schweigen. Möglicherweise
befürchten sie einen Aufschrei der Pharma- und Apotheker-Lobby. Der
Arzneimittelexperte Gerd Glaeske von der Universität Bremen verrät
immerhin, es werde über eine Verschärfung der Rezeptpflichtigkeit
nachgedacht. "Rund 70 Prozent der Schmerzmittel sind ohne Rezept
erhältlich", moniert Glaeske und verlangt ein Monitoring, in dem Daten der
gesetzlichen Krankenversicherer über das Verordnungsverhalten mit
Informationen aus Referenzapotheken abgeglichen werden. Ärzte, die
leichtfertig gefährliche Präparate rezeptieren, müssten sich dann
rechtfertigen. Gleichzeitig sollten die Ärzte insgesamt besser in
Suchtmedizin ausgebildet werden.
Bei den Versicherern allerdings ist nach dem wegweisenden Urteil von
Alarmstimmung noch nichts zu spüren: "Ich bin nicht sehr besorgt, dass
viele andere Patienten diesem Beispiel folgen werden", sagt Patrick
Weidinger, Leiter der Arzthaftpflicht bei der DBV Winterthur, die immerhin
fast die Hälfte aller Ärzte hierzulande versichert. Aber auch er räumt
ein, dass tatsächlich ein Haftungstatbestand vorliege, wenn Medikamente ohne
vernünftigen Grund oder zu lange verordnet würden. Doch die von
Schuldgefühlen geplagten süchtigen Schlucker kommen meist gar nicht auf
die Idee, ihren Arzt zu verklagen.
75000 Euro Schmerzensgeld hat Hans S. vor wenigen Wochen von der
Versicherung seines Hausarztes erhalten - nach allem, was der ehemalige
Verkaufsleiter durchlitten hat, eher eine symbolische Entschädigung.
Dennoch lindert die Summe zumindest seine Schuldgefühle. Seit zwei Jahren
führt er wieder ein ganz normales Leben, ohne Medikamente. Er hat eine
interessante Arbeit gefunden, eine Eigentumswohnung gekauft, seine Töchter
wieder zu sich geholt und sich in eine Frau verliebt. Eine traurige
Geschichte mit Happy End.
(c) DIE ZEIT 15.01.2004 Nr.4