Michael G. ...

Bezirksregierung Braunschweig
Bohlweg 38
38100 Braunschweig

z. Hd. von Herrn Jean-Pascal Rath Saarburg, 15.02.2004


Sehr geehrter Herr Rath,
seit einiger Zeit verfolge ich die Entwicklung der Synergetik-Therapie in Goslar. Ich habe nach einer Reihe von eigentherapeutischen Synergetik-Sitzungen im Juni 2003 mit der Synergetik-Ausbildung begonnen und im Januar 2004 die Grundausbildung abgeschlossen. Da ich als Diplom-Psychologe im Rahmen meiner beruflichen Entwicklung auch eine Reihe von Fortbildungsseminaren zur Hypnotherapie besucht habe, möchte ich zu dem von Herrn Dr. Hepp ausgesprochenen Berufsverbot gegen Herrn Joschko und Frau Urhahn wie folgt Stellung nehmen (Zitate sind - soweit nicht anders angegeben - aus dem an Herrn Joschko gerichteten Bescheid vom 08.01.2004 von Dr. Hepp entnommen (veröffentlicht unter http://www.infocenter-goslar.de/bescheid-8-1-04.html )):

(1) Herr Dr. Hepp führt in seinem Verbot der selbstständigen Ausübung der Synergetik-Therapie und des Synergetik-Profilings zunächst an, dass "für die Ausübung der Heilkunde, ohne als Arzt bestallt zu sein, eine Erlaubnis erforderlich" ist. Im weiteren wird festgestellt, dass "Ausübung der Heilkunde jede Berufs- oder gewerbsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen" ist, die "nach allgemeiner Auffassung ärztliche bzw. medizinische (heilkundliche) Fachkenntnisse" voraussetzt.

Kommentar: Genau diese Auffassung wurde uns in der Synergetik-Therapie Ausbildung vermittelt: Synergetik-Therapie stellt keine Ausübung von Heilkunde dar, da in der Synergetik-Therapie (a) weder im medizinischen Sinn verstandene Krankheiten, Leiden oder Körperschäden festgestellt noch (b) diese durch Methoden der Synergetik-Therapie geheilt werden sollen. In der Synergetik-Therapie geht es um die Aufdeckung und Aufarbeitung von Beziehungskonflikten, die in der Innenwelt des Klienten verankert sind. Zu dieser Klärung von internal repräsentierten, sozialen Konflikten stehen neben der Synergetik-Therapie eine Vielzahl psychologisch, philosophisch, religiös, spirituell oder esoterisch orientierter Methoden zur Verfügung, für deren Anwendung bei der Konfliktaufarbeitung ärztliche Fachkenntnisse sicherlich nicht notwendigerweise gegeben sein müssen (was nicht heißen soll, dass Personen, die über diese Fachkenntnisse verfügen, nicht auch in der Lage und verpflichtet sind, ihre Patienten bei der Bewältigung von externen oder internen Beziehungskonflikten zu unterstützen). Da aber das Aufgabenfeld der Synergetik-Therapie aus dem Bereich der Ausübung von Heilkunde herausfällt, kann von einem Synergetik-Therapeuten nicht erwartet werden, dass er sich vor Aufnahme seiner Tätigkeit um die Aneignung medizinischer Fachkenntnisse (etwa durch den Erwerb des Heilpraktikerscheins) bemüht.
Also: Synergetik-Therapie - und hier wird sicherlich auch Dr. Hepp zustimmen - ist nicht der "Ausübung von Heilkunde" zuzurechnen.

(2) Auf der zweiten Seite seines Bescheides vertritt Dr. Hepp die Auffassung, dass die Synergetik-Therapie den Eindruck erweckt, "mit den angewandten Methoden jede Krankheit heilen zu können, und zwar gefahrlos. Dadurch entsteht (beim Klienten; Anmerkung des Verfassers) der Eindruck, dass der Besuch eines Arztes oder anderen medizinisch Kundigen nicht mehr notwendig ist. Dem steht auch nicht entgegen, dass Sie darauf hinweisen, dass ein Synergetik-Therapeut über keine medizinische Qualifikation verfügt und der Klient die alleinige Verantwortung dafür trägt".

Kommentar: In der Ausbildung wurde uns vermittelt, dass Synergetik-Therapie keine Heilung im Sinne einer Einwirkung von Außen auf den Klienten ermöglicht, sondern sie allenfalls die Aktivierung der Selbstheilungskräfte beim Klienten unterstützt. Dabei wird davon ausgegangen, dass diese Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Klienten dadurch erfolgen kann, dass dieser die in seiner Innenwelt verankerten Konflikte durch die Bearbeitung mit den Methoden der Synergetik-Therapie auflöst. Die Ausbildungsteilnehmer wurden angehalten, diese - hier aus Platzgründen sehr vereinfacht wiedergegebene - Sichtweise nachhaltig den Klienten zu vermitteln, um eben nicht den Eindruck zu erwecken, Synergetik-Therapie mache eine medizinische Behandlung überflüssig. In dem Therapie-Vertrag, den der Klient, der sich für eine Synergetik-Therapie entscheidet, und sein Therapeut unterzeichnen, wird nicht nur - wie Dr. Hepp richtig feststellt - der Klient darüber informiert, dass der Synergetik-Therapeut über keine medizinische Qualifikation verfügt, sondern ihm wird - was Dr. Hepp offensichtlich entgangen ist - ebenso deutlich vermittelt, dass (a) im Zusammenhang mit der Synergetik-Therapie keine Heilungsversprechen gemacht werden, (b) keine Diagnosen oder Therapien im medizinischen Sinne durchgeführt werden oder Heilkunde im Sinne des Heilpraktikergesetzes oder Psychotherapie praktiziert wird und (c) dass durch die Synergetik-Therapievereinbarung keine Entscheidung getroffen wird, ob und in welchem Umfang medizinische oder psychotherapeutische Versorgung vom Klienten in Anspruch genommen werden soll oder muss (vgl. den unter http://www.synergetik.biz/therapievereinbarungJuni02.PDF veröffentlichten Therapievertrag "Informationen zu den Synergetik-Therapie Einzelsitzungen"). Sollte im Vorfeld der Durchführung einer Synergetik-Therapie der Klient durch die Verwendung des Begriffs "Therapie" in der Bezeichnung "Synergetik-Therapie" den Eindruck haben, er unterziehe sich einer Krankheitsbehandlung, wird spätestens im direkten Kontakt zwischen Synergetik-Therapeut und Klient dieser Bewertung des Klienten vom Synergetik-Therapeut entgegengewirkt.

(3) Dr. Hepp begründet sein Untersagung der Ausübung der Synergetik-Therapie und des Synergetik-Profilings insbesondere mit der Befürchtung, dass die Methoden der Synergetik-Therapie für bestimmte Klienten (er nennt explizit Asthma, Diabetes mellitus, meint aber auch Klienten mit Krankheitsbildern, bei denen Hypnose kontraindiziert ist) eine Gefährdung darstellen:

"Die Klienten werden durch Handlungen des Therapeuten wie Abspielen einer Musik, insbesondere auch das Vorlesen eines Entspannungstextes mit den Methoden der Suggestion in einen Zustand der Entspannung versetzt. Hierbei werden technische Abläufe eingesetzt, wie etwa das Rückwärtszählen und dem Suggerieren vom Herabsteigen in die eigene Seele sowie das Öffnen von Türen und auch weitere Interventionen, die zum einen den Abläufen einer medizinischen Hypnose entsprechen und zum anderen weitere suggestive Einflussnahmen auf den seelischen Zustand des Patienten darstellen."
Kommentar: Dr. Hepp beschreibt hier zunächst durchaus richtig das in der Synergetik-Therapie übliche Vorgehen, mit dem eine Innenweltreise des Klienten häufig eröffnet wird. Durch die Entspannung, die zu Beginn durch Instruktionen des Therapeuten eingeleitet wird, wird es dem Klienten und Therapeuten erleichtert, sich in der Innenwelt einzufinden und sich auf diese einzulassen. Die Entspannung hat in der Synergetik-Therapie somit im Sinne eines Rituals vor allem die Funktion, den Übergang von der Außenweltorientierung auf die Innenwelt flüssig zu gestalten.

Nun sind solche Entspannungsinstruktionen sicherlich nicht als gefährlich einzuschätzen. Entspannung zählt heute zu unserem Kulturgut, ihr positiver Wert wird über Fernsehen, Radio und die Presse verdeutlicht, Entspannungsmethoden werden - auch außerhalb des medizinischen Gesundheitswesens - vermittelt, in jeder gut sortierten Buchhandlung kann der mündige Bürger käuflich Entspannungskassetten erwerben, die von ihrem Inhalt sich nicht von den in der Synergetik-Therapie eingesetzten Instruktionen unterscheiden.

Ähnliches gilt für das von Dr. Hepp angeführte "Rückwärtszählen und dem Suggerieren vom Herabsteigen in die eigene Seele sowie das Öffnen von Türen": In frei zugänglichen Büchern zur Selbsthypnose werden durchaus vergleichbare Methoden angeboten, mit denen der Leser sich selbst in einen Zustand fokussierter Aufmerksamkeit versetzen und diesen in gewinnbringender Weise nutzen kann (vgl. etwa das ausgezeichnete Buch von B. M. Alman und P. T. Lambrou "Selbsthypnose. Ein Handbuch zur Selbsttherapie", 1995, Heidelberg, Carl-Auer-Systeme). Auch Herr Prof. Dr. Revenstorf, auf dessen kurzes Statement über die Synergetik-Therapie sich Dr. Hepp bezieht, hat ein entsprechendes Buch veröffentlicht, in dem er verschiedene Trance-Strategien zur Einleitung der Selbsthypnose, zur Aktivierung von persönlichen Ressourcen, zur Bearbeitung vergangener Erfahrungen und zur Programmierung des Erfolgs in der Zukunft beschreibt. Darüber hinaus werden von ihm Geschichten und Metaphern, die Lösungen für Problemkonstellationen implizit enthalten und deren Anwendung sich in der Hypnotherapie bewährt hat, wiedergegeben (D. Revenstorf, R. Zeyer "Leistungssteigerung und Streßbewältigung durch Selbsthypnose". 1997, Heidelberg, Carl-Auer-Systeme). Wenn nun aber diese Ansätze von einem "Nichtfachmann" (dem Leser) ohne jede Unterstützung durch eine andere Person durchgeführt werden können, bleibt mit unklar, warum plötzlich in Begleitung eines Synergetik-Therapeuten Entspannung, Rückwärtszählen und Öffnen von Türen eine Gefährdung darstellen sollen.

Zu diesen könnten sie möglicherweise werden, wenn sie in der Synergetik-Therapie im Kontext weiterer Interventionen, die - nach Dr. Hepp - "zum einen den Abläufen einer medizinischen Hypnose entsprechen und zum anderen weitere suggestive Einflussnahmen auf den seelischen Zustand des Patienten darstellen", eingesetzt würden. Leider beschreibt Dr. Hepp nicht, um welche Interventionen es sich hier handeln soll - aber die Gleichsetzung dieser nicht näher bezeichneten Synergetik-Therapie-Methoden mit Abläufen einer medizinischen Hypnose zeigen den erfahrenen Synergetik-Therapeuten und auch mir nach der Grundausbildung, dass Dr. Hepp wesentliche Unterschiede zwischen Synergetik-Therapie und Hypnose offensichtlich nicht nachvollziehen kann: Durch die oben genannten Methoden Entspannung, Rückwärtszählen, Türen öffnen wird zwar auch in der Synergetik-Therapie ein hypnoider Zustand erreicht, der durch eine gewisse Loslösung vom Alltag und durch körperlich-seelische Entspannung gekennzeichnet ist. Aber während in der Hypnose nun durch weitere, vom Hypnotiseur vermittelte hypnotische Induktionen eine deutliche Vertiefung der Trance angestrebt und diese als Grundlage für hypnotherapeutische Interventionen genutzt wird, überlässt der Synergetik-Therapeut nach der Entspannungsinstruktion die Führung weitgehend dem Klienten: nicht die hypnotischen Induktionen, sondern die Selbsterfahrungen des Klienten während seiner Innenweltreise bestimmen Inhalte, zeitliche Struktur und Verlauf der Sitzung. Übernimmt der Therapeut in der Hypnose eine aktive, steuernde und häufig auch zielorientierte Rolle, so begleitet in der Synergetik-Therapie der Therapeut den Klienten auf seiner Reise durch die Innenwelt, in dem er sich vor allem das Erleben des Klienten in den verschiedenen Repräsentationsebenen beschreiben lässt, ihn zur erlebniszentrierten Auseinandersetzung mit sich selbst und auftauchenden Gestalten ermutigt und - ohne dabei zielorientierte Vorgaben zu machen - einen Rahmen für die Erprobung möglicher Konfliktlösungen in der Innenwelt schafft. Inwieweit der Klient dabei auf Angebote des Therapeuten eingeht, bleibt seiner eigenen Entscheidung überlassen. Es ist durchaus möglich, dass während einer Synergetik-Sitzung Phänomene beobachtet werden können, die denen in der Hypnose ähnlich sind (etwa Dissoziation, Altersregression oder -progression, Zeitverzerrung). Sie werden aber in der Regel als solche nicht vom Synergetik-Therapeuten intendiert und als Folge seiner Handlungen zwangsläufig erwartet, sondern sind eingebettet in die aktuellen Selbsterfahrungen des Klienten und ergeben sich als natürliche Begleiterscheinungen des synergetischen Prozesses. Dies überrascht erfahrene Hypnotherapeuten - wie etwa Prof. Dr. Revenstorf als Vertreter der Milton-Erickson Gesellschaft - sicherlich nicht: Phänomene, die als Erscheinungsweise der Hypnose bezeichnet werden, sind nicht ausschließlich an das Vorhandensein eines besonderen Bewusstseinszustandes namens Hypnose gebunden, sondern können auch im Alltag beobachtet werden. Da sich Synergetik-Therapie mit den "alltäglichen" Lebenserfahrungen des Klienten befasst und er sich diese im Kontext seiner Selbsterfahrung zugänglich und bearbeitbar macht, kann das natürliche Auftreten hypnoseähnlicher Phänomene, die uns eben auch im Alltag begegnen, im Rahmen der Synergetik-Therapie natürlich nicht verhindert werden.
Herr Dr. Hepp spricht von "weiteren Interventionen, die ... weitere suggestive Einflussnahmen auf den seelischen Zustand des Patienten darstellen". Im Rahmen der Synergetik-Therapie-Grundausbildung wurden explizit keine Verfahren vermittelt, die im engeren Sinn der Hypnotherapie zuzurechnen sind und auf das Erzielen von tiefen Trancezuständen durch Fremdsuggestion oder die hypnotische Induktion von Erscheinungsweisen der Hypnose gerichtet sind. Bei den Verfahren, die im Rahmen der Ausbildung gelehrt werden, kann man davon ausgehen, dass der Klient den Prozess weitgehend selbst gestaltet und bei Bedarf jederzeit beenden kann.

Sicherlich kann Herr Joschko als Begründer der Synergetik-Therapie weitere Abgrenzungen zwischen Synergetik-Therapie und Hypnose aufzeigen und damit der Verwechslung dieser beiden Therapierichtungen durch Herrn Dr. Hepp entgegenwirken - nur muss ihm dazu der notwendige Raum zugestanden werden.

Vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen während der Eigentherapie und der Grundausbildung kann ich die von Herrn Dr. Hepp vorgenommene Einschätzung zur Gefährlichkeit der Synergetik-Therapie nicht nachvollziehen. Prozesse der Selbsterfahrung sind nicht immer angenehm, zeigen die eigenen Grenzen, aber auch die hinter diesen Grenzen liegenden Möglichkeiten auf. Weder bei mir noch bei den anderen Teilnehmern meiner Ausbildungsgruppe konnte ich anhaltende negative Wirkungen der Synergetik-Therapie beobachten, wohl aber Prozesse der Persönlichkeitsentfaltung und -entwicklung. Ein Verfahren wie die Synergetik-Therapie, das von Herrn Joschko aus der Integration vieler verschiedener alternativer ganzheitlicher Therapieansätze entwickelt wurde, wird m. E. seinen Platz im Bereich der Lebensbewältigungshilfe finden, für den das Land Bayern im Jahr 2003 einen neuen Versuch der gesetzlichen Regelung eingebracht hat. Die in dem Gesetzentwurf aus Bayern formulierten Anforderungen an gewerbliche Anbieter von Lebensbewältigungshilfe werden von der Synergetik-Therapie erfüllt. Darüber hinaus hat Herr Joschko seinen Ansatz immer stets transparent in der Öffentlichkeit dargestellt und sich um eine qualifizierte und supervidierte Ausbildung bemüht.

Die Synergetik-Therapie mit einem Berufsverbot zu belegen, ohne genauer ihre Methoden und Möglichkeiten untersucht zu haben, erscheint mir als unverständlicher Akt. Herr Dr. Hepp hat sich aus mir nicht näher bekannten Gründen entschlossen, die Synergetik-Therapie vom Markt der Lebensbewältigungshilfe und Persönlichkeitsentwicklung zu entfernen. Seine Argumentation ist aus meiner Perspektive nicht überzeugend und könnte in dieser allgemeinen Form sicherlich auf sehr viele alternative Therapieverfahren, die nicht der Heilkunde zuzurechnen sind, übertragen werden.

Sehr geehrter Herr Rath, Sie haben die Möglichkeit, eine Lösung für diesen Konflikt zu gestalten, die nicht nur die Überzeugungen von Dr. Hepp, sondern auch die beruflichen Interessen der Synergetik-Therapeuten und insbesondere die Anliegen der Klienten, die sich durch die Synergetik-Therapie eine Unterstützung bei der Lebensbewältigung erwarten, berücksichtigt. Ich hoffe, dass Sie - in dieser durchaus chaotischen Sachlage - zu einer weisen Entscheidung finden.

Mit freundlichen Grüßen M. G.


Diese E-Mail wird Ihnen mit der Post am 16.02.2004 zugesendet. Eine Abschrift des Briefes erhält Herr Dr. Hepp. Ebenso wird dieser Brief Herrn Bernd Joschko zur Veröffentlichung im Internet zur Verfügung gestellt.